Der US-amerikanische Zoll steht sowieso schon heftig in der Kritik,
angefangen von dem Begrabschen kleiner Kinder bis hin zum
verdachtsunabhängigen Durchsuchen von Notebooks, Mobiltelefonen und anderem
elektronischen Equipment (was gerade erst mal wieder als »legal«
bestätigt wurde). Jetzt ist ein
weiterer Vorfall bekannt geworden: Der Zoll hat dreizehn Flöten beschlagnahmt und zerstören lassen,
weil sie landwirtschaftliche Produkte seien, die nicht eingeführt
werden dürften. Diese waren von dem Besitzer, ein wohl bekannterer
Künstler, über Jahre hinweg selber aus seltenem Schilfrohr gebaut worden.
Da kann man nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und hoffen, daß
die nie eine Stradivari in die Hand bekommen…
Leider war ich nicht schnell genug weg, so mußte ich mir gestern abend
doch Teile der Merkelrede in den Nachrichten eines der Propagandasender
anschauen. Meine Quintessenz: »Gebt der Kaiserin, was der Kaiserin
gebührt« und »hilf Dir selbst, dann hilft Dir Mutti«.
Im Gegensatz zu mir hat sich Sascha Lobo wohl durch den Text der Rede gequält: Die Merkel fand
im Rückblick auf 2013 die NSA-Affäre für nicht erwähnenswert.
Nun, das beruht dann wohl auf Gegenseitigkeit: Der Spiegel und die FAZ
fanden die Ansprache wohl auch so uninteressant und unwichtig, daß man
jetzt im Moment am Neujahrsmorgen auf deren Startseiten keine Links zu
Artikel, geschweige denn Aufmacher zu der Rede findet. Und das ist gut
so.
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Je mehr ich über die grenzenlose
Schnüffelei und der damit zusammenhängenden Agitation der US-Amerikaner und
Briten lese, desto mehr neige ich dazu, das als nicht ausgesprochene
Kriegserklärung der US-Amerikaner und Briten gegenüber der Welt zu
betrachten. Sie haben das Internet, den virtuellen Raum, zu dem
gemacht, was zwischen Steinzeit über Altertum bis zum Mittelalter der
reale Raum war: ein Welt, wo man nicht nur Dieben, Halsabschneidern
und anderen Verbrechern ausgesetzt war, sondern wo auch Herrscher im
rechtsfreien Raum agierten und wo man durch sie sein Hab und Gut, seine
Freiheit und sein Leben in Sekunden verlieren konnte.
Das Verhalten unserer Bundesregierung – alt wie neu – kann man eigentlich
nur noch mit den Worten erbärmlich, feige,
verräterisch, insubordinativ beschreiben. Wie die drei Affen,
die nichts sehen, nichts hören und nichts sagen, entzieht sie sich ihrer
verfassungsmäßigen Verantwortung, ihrer Verpflichtung, ihres Eides, die
Bürger Deutschlands zu verteidigen. Und das könnte sie. Alleine und mit
anderen Staaten könnte Deutschland genügend Druck aufbauen, wenn die
Regierung es nur wollte. Beide, USA und Großbritannien, sind abhängiger von
dem Rest der Welt als umgekehrt.
Ich kann garnicht soviel fressen, wie ich kotzen möchte.
Noch mehr vom 30C3 und zur NSA:
-
Ein interessanter Bericht in der FAZ über die Überwachungssituation in China und
Indien. Die sind noch ein Stückchen weiter als die NSA. Wir in der
sogenannten westlichen Welt sollten nicht glauben, daß die Entwicklung
bei uns nicht auch genau dorthin geht, nur weil wir noch Attribute wie
»freiheitlich«, »rechtsstaatlich« und »demokratisch« an unsere Staaten
tackern.
-
Hier ein Spiegel-Artikel, der erklärt, wie Rechner infiltriert werden –
klassische Man-In-The-Middle-Attacke. Opfer werden anhand von den Cookies
der Dienste wie Google, Facebook, LinkedIn, Hotmail usw. erkannt, der
Verkehr umgeleitet und die Originalseiten mit gehackten Kopien ersetzt,
die über Browser-Schwächen dann das Zielsystem infizieren. Wichtiger
Schritt also: drakonisches Cookie-Sperren! Die mindestens betroffenen
Dienste befinden sich auf Seite 11 (NSA) und Seite 12 (GCHQ) der Präsentation.
-
ein weiterer Spiegel-Artikel schreibt über die Empörung der SPD und der
Grünen über die NSA-Spionagetätigkeiten. Wer ihn lesen will, muß selber
suchen – ich verlinke nicht zu den falschen Fuchzigern mit ihrem
unglaubwürdigen Getue. Wenn es z.B. der SPD ernst wäre, dann müßte sie
jetzt endlich NEIN zur VDS sagen, Aus, Schluß, Ende, Punkt.
Artikel zum 30C3 (Chaos Communication Congress) & NSA-Skandal
Sonstiges
Es war ja nur eine Frage der Zeit, bis die GroKo ihre ⅔-Mehrheit
ausnutzen will. Ich hätte beinahe mit einem Kollegen gewettet, und ich
hätte jetzt verloren. Er hatte vorhergesagt, daß der erste Wunsch nach
einer Grundgesetzänderung noch dieses Jahr kommt. Ich hatte dagegen
gemeint, sie würden sich damit noch wenigstens bis nach Neujahr Zeit
lassen.
Nun, da ist er: Die Legislaturperiode soll von vier auf fünf Jahre verlängert
werden. Also soll Deutschland wieder ein Stückchen undemokratischer
werden. Wäre ja auch einmal neu gewesen, wenn etwas für die Bürger
herausspringen würde.
Wirklich griffige Argumente wurden nicht vorgebracht. Es wäre
»gründlicheres und weniger vom Wahlkampf getriebenes Arbeiten«
möglich, so SPD-Mann Michael Hartmann laut Spiegel. Tja, zwei Witze in
einem Satz: gründlich und Arbeiten.
Warum dann nicht gleich 10 oder 20 Jahre? Das wäre dann wenigstens
ehrlich bei unserer Scheindemokratie.
Ich las gerade einen Bericht über ein Urteil eines amerikanischen Gerichts pro
Massenüberwachung. Neben diversen anderen, sehr obskuren,
realitätsfernen und widerlegten Argumenten, die offenbar da in dem Urteil
auftauchen und die genauso diskussionswürdig wären, picke ich mir eines
heraus, weil dieses in Deutschland auch immer wieder von den Datensammlern
gebracht wird, z.B. in einem mir bekannten erstinstanzlichen Urteil zur
Gesundheitskarte:
Die Tatsache, daß viele Menschen freiwillig einen Teil ihrer privaten und
persönlichen Daten in den Social Media1, also Facebook, Google+,
Twitter und dergleichen, zur Verfügung stellen, legitimiere die
staatliche2 Sammlung der Daten aller Menschen, auch solcher
Daten, die Menschen typischerweise nicht freiwillig hergeben. Die Menschen
seien daran gewöhnt.
Das ist natürlich verquere Logik, aus mehreren Gründen:
-
Weil einige, von mir aus auch viele, etwas freiwillig tun, impliziert
das nicht, daß man dem Rest das auch einfach abverlangen kann.
-
Freiwilligkeit impliziert nicht Problembewußtsein und Akzeptanz der
Konsequenzen.
-
Freiwilligkeit impliziert nicht Grenzenlosigkeit.
-
Bei Grundrechtsverletzungen sollte es kein Gewohnheitsrecht geben.
Um es deutlicher zu machen, wende ich die Logik der Befürworter mal auf
das Rauchen an:
-
Weil viele Menschen freiwillig rauchen, manche auch nur gelegentlich,
dürfen alle Menschen zum permanenten Rauchen gezwungen werden, inklusive
Kinder und Kranke.
-
Weil viele Menschen freiwillig rauchen, kann Rauchen nicht schädlich
sein.
-
Weil die Raucher durchschnittlich 3-4 Filterzigaretten pro Tag rauchen,
dürfen die Menschen gezwungen werden, 10 dicke Zigarren pro Tag – ohne
Filter und mit Zugabe von Teer und Menthol – zu konsumieren.
-
Weil Aktiv- und Passivraucher daran gewöhnt sind, an Krebs und anderen
Folgeerscheinungen zu erkranken und zu sterben, ist der Rauchzwang
unproblematisch.
Ergibt das einen Sinn? Natürlich nicht! Bis auf Tabaklobbyisten
würde sich jeder an den Kopf fassen und das für verrückt erklären. Warum
tun es dann die Menschen nicht auch bei dieser elenden Datensammelei?
Also:
-
Ein Teil der Menschen kann freiwillig Daten über sich
preisgeben, auch die intimsten, einem kleineren oder größeren
Personenkreis. Es ist und bleibt aber die Entscheidung jedes einzelnen,
wieviel und wem. Das ist die vom Bundesverfassungsgericht definierte
»informationelle Selbstbestimmung«.
-
Menschen geben private Daten preis, ahnen aber häufig nicht, daß diese
Daten später gegen sie verwendet werden (können), zum Beispiel vom (Ex-)
Partner, von vermeintlichen Freunden, Arbeitgebern, Versicherungen, vom
Finanzamt, von der Polizei, von Geheimdiensten usw.
-
Menschen zeigen vielleicht ihre Urlaubsfotos in ihrem virtuellen
Bekanntenkreis her. Das heißt aber nicht, daß sie auch Fotos von
Bettszenen in ihrem Schlafzimmer genauso teilen würden, oder auch
komplett andere Daten, z.B. mit wem sie kommunizieren, wo sie sich sonst
aufhalten, welche politische oder religiöse Meinung sie vertreten usw.;
auch nicht, daß sie den Zugriff von ihnen unbekannten Schnüfflern auf
diese Daten erlauben würden.
1 häufig falsch übersetzt als »soziale Medien« statt
»gesellschaftliche Medien«, genau wie damals, als der Personal Computer
noch als »Personal-Computer« und nicht als »persönlicher Computer«
bezeichnet wurde 2 oder staatlich sanktionierte, wie bei
der Vorratsdatenspeicherung, der Gesundheitskarte oder den Smart
Meter-Geräten
Die Grünen sind auch nicht besser als die Regierungsparteien (alt wie
neu). Nicht, daß ich den Auftritt der einen Femen-Aktivistin im Kölner Dom
für besonders schlau finde, zumal mindestens mir die Message hinter »I am
God« nicht klar wurde – die Reaktion der Grünen haben aber einen Grad der Doppelmoral:
Zum einen finden die Grünen die Verurteilung der Pussy-Riot-Mitglieder
für untragbar, bezeichnen aber die Femen-Aktion als »eine unnötige
Störung der Gläubigen beim Gottesdienst«. Man könnte diese Bezeichnung
schon so interpretieren, daß sie das als Hausfriedensbruch in einer
schweren Form betrachten. Immerhin geht das Strafmaß auch bis zu drei
Jahren Haft (wenn auch nicht Zwangslager).
Zum anderen ist das zweierlei Maß, daß ausgerechnet Volker Beck das sagt.
Das ist der, der in seinem persönlichen Anliegen kaum eine Gelegenheit zur
Provokation ausläßt, und der in seiner Person und dann noch als
religionspolitischer Sprecher schon für viele erzkonservative
Gläubige selbst eine Provokation sein dürfte.
Wie der aufmerksame Leser weiß, versucht Ozeanien, zur Zeit besser noch
bekannt als Großbritannien, in Sachen »Freiheitsrechte« seinen großen
Vorbildern Saudi-Arabien, Iran und China nachzueifern. So werden die Briten
seit kurzem mit einem »Porno-/Gewalt-/Extremistenfilter« zwangsbeglückt,
auch wenn es im Moment noch die Möglichkeit des Opt-Outs gibt (man muß sich
beim Provider freischalten lassen).
Was bei uns die Gegner des
Zugangserschwerungsgesetzes, welches damals von
»Zensursula«
von der Leyen und
Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester
Freiherr von und zu Guttenberg mit Unterstützung der Verräterpartei SPD
in die Wege gebracht und später auf Druck der Zivilgesellschaft wieder
abgeschafft, vorhergesagt haben, tritt nun in Großbritannien verstärkt ein:
Das over-blocking.
Waren vor etwa einer Woche noch nur aufklärerische Seiten im sexuellen
Umfeld betroffen, wie Heise
berichtete, gibt es jetzt einen erneuten Fall. Da wurden nun laut der
Zeitung Independent von O2 auch die British Library und die National
Library of Scotland sowie weitere unbescholtene Seiten blockiert.
Ironischerweise war auch die Webseite von Claire Perry, einer britischen
Politikern, die sich sehr für diesen idiotischen Filter eingesetzt hat,
dabei. Als britischer Netzwerkbetreiber hätte ich sowieso alle Befürworter
gleich mit auf den Index gesetzt. Dann hätte man mal juristisch klären
müssen, wer denn mit welcher Autorität bestimmt, was für das britische Volk
gut und schlecht sei.
Ich hoffe aber für die britische Bevölkerung, daß auch sie genügend Druck
aufbauen kann, um diese schwachsinnige Bevormundung wieder
abzuschaffen.
Eine Weihnachtsansprache (hier umrahmt von einem FAZ-Artikel), die man sich im Gegensatz zu dem Geschwurbel unseres
Bundespräsidenten antun sollte. Ich denke, Edward Snowden wird nichts
dagegen haben, wenn ich sie hier voll zitiere:
Hi. And Merry Christmas. I am honored to have a chance to speak with you
and your family this year. Recently we learned that our governments,
working in concert, have created system of worldwide mass surveillance
watching everything we do.
Great Britain’s George Orwell warned us of the danger of this kind of
information. The types of collection in the book, microphones, video
cameras, TVs that watch us, are nothing compared to what we have available
today. We have sensors in our pockets that track us everywhere we go.
Think about what this means for the privacy of the average person. A child
born today will grow up with no conception of privacy at all.
They’ll never know what it means to have a private moment to themselves,
an unrecorded, unanalyzed thought. And that’s a problem. Because privacy
matters. Privacy is what allows us to determine who we are and who we want
to be.
The conversation occurring today will determine the amount of trust we
can place both in the technology that surrounds us and the government that
regulates it. Together we can find a better balance, end mass surveillance
and remind the government that if it really wants to know how we feel,
asking is always cheaper than spying.
For everyone out there listening, thank you and Merry Christmas.