2. April 2026
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Streit um Linux

Es gibt ziemlichen Streit in der Community. Schuld sind dabei Regierungen, vor allem linke, sowohl auf nationaler Ebene als auch auf untergeordneten Ebenen. Für die ist das Internet das Böse schlecht hin. Vorgeblich zum Schutz von Kindern und Jugendlichen wollen sie es einfangen. Nicht wenige Kritiker, so ich auch, halten das aber nur für einen Vorwand. So wird auch jedes negative Ding aus der Tasche gezogen, um Einschränkungen zu begründen. Das sind zum Beispiel unerwünschte Meinungen – Thema Klarnamenpflicht. Herr Merz hat sich ja unlängst beschwert, daß die Kritik nicht auf »Augenhöhe« stattfinden würde. Was nicht stimmt, wenn man zum Beispiel die Schwierigkeiten betrachtet, die der Blogger Danisch gerade hat, eine ladungsfähige Adresse von Ricarda Lang zu bekommen, während umgekehrt das ein Klacks für die Politiker ist. Ein anderes Thema ist die angebliche negative Beeinflussung von Kindern und Jugendlichen durch Social Media. Australien hat damit angefangen, Social Media für Kinder und Jugendliche bis zu einem gewissen Alter zu verbieten. Auch in Deutschland wird das begeistert aufgenommen, sowohl von Politikern als auch vom uninformierten Publikum, während Kritiker das auch für einen unverhältnismäßigen Eingriff in die Bürgerrechte (Meinungs- und Rezeptionsfreiheit) von Kindern und Jugendlichen sehen. Gerade dieses Thema ist der Auslöser der Debatte unter den Linux-Jüngern. Das Problem ist, wie Unternehmen, seien es nun Social Media-Dienste oder Pornographie-Anbieter, nun tatsächlich verläßlich feststellen können, wie alt jemand am anderen Endgerät ist, der den Dienst gerade besucht, also entweder beim Anlegen des Benutzeraccounts oder beim anonymen Besuch im »Lesemodus«. Das Stichwort heißt Altersverifikation. Die soll nach Vorstellung von Politikern nicht einfach aushebelbar sein, nicht von gewieften Kindern ausgetrickst werden können.

Da sind einige ganz schlaue Politiker auf die Idee gekommen, man müsse das einerseits in den Browsern verankern, aber da das nicht reicht, auch in den Betriebsystemen selbst. Und bei der Idee ist es nicht geblieben. Brasilien hat schon ein entsprechendes Gesetz verabschiedet, aber auch im Land der Freiheit, USA, gibt es auf Bundesstaatenebene schon entsprechende Gesetze. Kalifornien ist da ein Vorreiter, aber auch eine Handvoll anderer Bundesstaaten haben entsprechende Gesetze geplant oder auch schon beschlossen. Neben Brasilien gibt es noch weitere Nationalstaaten, die das vorschreiben wollen. Auch in Deutschland ist diese Idee von den Landesmedienanstalten, die für den Jugendschutz zuständig sind, in den Ring geworfen worden. Ich müßte mal nachschauen, wie weit das schon vorangetrieben ist.

Im Detail kann natürlich ein Betriebsystem selber keine Altersverifikation durchführen. Aber es kann die Infrastruktur dafür liefern. Das heißt, es muß in der Lage sein, das Alter des Nutzers zu erfassen und an Applikationen, die da nachfragen, weiterzugeben. Und es muß natürlich auch hinreichend manipulationssicher sein. Weitere, spätere Auflagen könnten dann erzwingen, daß das Betriebsystem beispielsweise Clouddienste kontaktieren muß oder Fremdsoftware integrieren muß, die die Altersverifikation durchführt. Das sind Punkte, die Linux-Nutzern und den Freigeistern hinter Linux widerstreben. Sie wollen generell keine staatlich erzwungenen Überwachungsmechanismen im Betriebsystem sehen, und schon gleich gar nicht, wenn sie in einem Land/Bundesstaat leben, das keine solche Regelungen hat. Nun ist es ja so, daß es Linux als fertiges Betriebsystem eigentlich gar nicht gibt. Es gibt den Kernel, der, grob gesagt, die Ausführung von Programmen auf dem Rechner steuert, und zig tausende Programme und Bibliotheken, die die eigentlichen Funktionen implementieren. Erst durch die sogenannten Distributionen, die also Zusammenstellungen all dieser Programme und Bibliotheken sind, wird ein installierbares und lauffähiges Betriebsystem daraus. Und hier entsteht schon das erste Problem: Hinter vielen der am häufigsten verwendeten Distributionen stehen Firmen, und die haben einen Firmensitz. Eben unter anderen auch in Kalifornien. So könnte der kalifornische Staat mit staatlichen Druckmitteln diese Hersteller zwingen, nur Betriebsystemversionen herauszugeben, die den Vorgaben entsprechen. Weltweit wären dann alle Benutzer gezwungen, nach diesem – zum Beispiel amerikanischen – Recht ihr System zu nutzen. Diskutiert wird auch generell, inwieweit überhaupt staatlichen Regeln für Open Source Software wie Linux anwendbar sind, da ja sowieso jeder sich eine Kopie ziehen kann und das wieder ausbauen kann. Ein amerikanischer Bundesstaat hat sich auch diskussionsbereit erklärt, für Open Source-Betriebsysteme eine Ausnahme zu machen.

Ein konkreter Streit hat sich jetzt auch daran entzündet, daß der Hauptentwickler einer zentralen und schon aus anderen Gründen (was jetzt zu weit führen würde, das zu erläutern, es sind aber technische) ziemlich umstrittene Komponente, systemd genannt, diese erweitert hat, um das Geburtsdatum in der Benutzerdatenbank zu speichern. Andere Nutzer sind gleich vorgeprescht und haben genau das gemacht, was ich oben geschrieben habe: Sie haben eine Kopie (»fork«) erzeugt, in der sie die Änderungen gleich wieder rückgängig gemacht haben. Lustigerweise gibt der Hauptentwickler denen sogar noch Ratschläge, was sie machen sollen – offenbar ist er selber nicht davon überzeugt, sieht aber wohl den Zwang.

Ich bin auf jeden Fall gespannt, wie es weitergeht. Was mich jetzt noch irritiert, ist, daß ich bislang auf Heise, dem wichtigsten IT-News-Portal in Deutschland, noch nichts zu der Diskussion gelesen habe. Aber vielleicht habe ich das bloß übersehen.