Navalny und Novichok: Eine Räuberpistole?

Ich weiß nicht, wer uns hier etwas auftischt, aber daß uns hier jemand etwas auftischt, das halte ich für ziemlich sicher. Die Tatsache, daß nur Stunden nach der Veröffentlichung, Navalny sei mit Novichok vergiftet worden, Forderungen von inländischen Politikern nach dem Abbruch des fast fertigen »Nord Stream 2«-Projekts erhoben werden, und hier der Schulterschluß in der EU gesucht wird, hinterläßt den Nachgeschmack eines Kalküls.

Wer war es? Als Kandidaten stehen die Amerikaner in vorderster Linie. Sie haben schon mehrfach versucht, das Projekt zu verhindern, letztens erst mit unverhohlenen Drohungen aus der amerikanischen Politik. Nachdem diese zumindest augenscheinlich nicht gefruchtet haben, könnten sie ihre Finger im Spiel haben. Ich bin mir sicher, daß die Amerikaner genauso über das Nervengift verfügen, da es in den 70ern in der Sovietunion entwickelt wurde. Ein bißchen unwahrscheinlich hielte ich es, wenn sie ihn in Rußland vergiften hätten. Daß Navalny nach Deutschland ausgeflogen wird, war so nicht unbedingt vorherzusehen. Außer, daß die Fördergruppe um Navalny, die den Transport gefordert und organisiert hatte, letztendlich eine westliche Tarnorganisation ist oder zumindest infiltriert ist.

Natürlich ist eine Initiative der Deutschen auch nicht ausgeschlossen. Merkel könnte einen Ausweg aus dem Pipeline-Problem gesucht haben. Die Details aus Merkels DDR-Vergangenheit sind ja immer noch nicht bekannt, und böse Zungen schließen nicht aus, daß die USA ein schönes Kompromatenpaket aus der Stasi-Behörde und anderen Quellen besitzt. Die USA könnte sie also unter Druck gesetzt haben. Navalny eine Novichok-Vergiftung anzudichten (die nicht stattgefunden hat), wäre für die Deutschen nicht sonderlich schwer. Der Nachweis des Giftes durch die Bundeswehr wäre nicht glaubwürdig unter dieser Prämisse.

Daß allerdings der weißrussische Geheimdienst eine Nachricht von den Deutschen an die Polen abgefangen habe, die den Betrug belege, halte ich für einen Fake. Welchen Grund sollten die Deutschen haben, das den Polen mitzuteilen, wenn es so wäre?

Kommen wir nochmal kurz zu den Russen selber. Natürlich halte ich es für möglich, daß Rußland mit oder ohne Wissen Putins Navalny beseitigen wollte und der Transport nach Deutschland ein ungeplantes Ereignis war. Was ich mich frage, ist, ob sie im Inland auch Novichok gegen ihre Gegner einsetzen. Unabhängig von der Täterschaft (ob es nun die Russen waren oder nicht): Der Novichok-Einsatz gegen Skripal und die Polonium-Vergiftung von Litvinenko fanden beide im Ausland statt und hatten neben dem Tod auch zwei Botschaften an alle anderen Dissidenten und übergelaufenen Spione im Sinn: Wir kriegen euch, egal, wo ihr seid, wo ihr euch versteckt, und es wird qualvoll. Navalny paßt da für mich nicht ganz ins Schema. Aber wer weiß das schon?

Es ist alles offen. Aber wenn ich irgendetwas aus den vielen von mir konsumierten Spionagefilmen – fiktiv oder wie bei Snowden irgendwo nicht so fern der Realität –, gelernt habe: Die Wahrheit wird die Welt nie erfahren. Im Umkehrschluß kann ich getrost alles als Lüge betrachten.